Über das Projekt

Risiko, Unsicherheit und Offenheit – Anmerkungen zur Videoserie 12 reflections on risk

Von Emmanuel Mir

Es gibt zahlreiche Erzählungen, Metaphern und Begriffe, die das Wesen unserer Gesellschaft festzuhalten versuchen. Philosophen und Geisteswissenschaftler haben in den letzten fünfzig Jahren eine Menge an Konzepten produziert, um die spezifische Prägung der sozialen Ordnung zu charakterisieren – von Baudrillards Konsumgesellschaft zu Debords Gesellschaft des Spektakels, von Wieners Informationsgesellschaft zu Bells nachindustriellen Gesellschaft. Eine dieser Konstruktionen hat sich als besonders nachhaltig erwiesen. 1986 – im Jahre der Tschernobyl-Katastrophe – publizierte Ulrich Beck die Risikogesellschaft und machte auf die (zum Teil fatalen) Funktionsstörungen aufmerksam, die unvermeidlich mit einer technisch hoch entwickelten Gesellschaft einhergehen. Darin erzählte Beck die Geschichte von nuklearen Super-Gaus, sterbenden Wäldern, versickernden Wasserquellen, sozialen Spannungen und anderen verhängnisvollen Folgen der Moderne und behauptete substanziell, dass sich jeder Mensch, der sich in einer technisch fortschrittlichen Welt einrichten möchte, auch mit deren immanenten Gefahren abfinden müsse – nämlich mit der Unkontrollierbarkeit und dem unvorhersehbaren Risiko, welche die bequemsten Errungenschaften der tekhnē begleiten.

Ulrich Becks Erzählungen bilden gewissermaßen den unsichtbaren Background der Clipreihe, die Romeo Grünfelder mithilfe des Sponsors Allianz realisiert hat. Der Regisseur, der sich in seinen bisherigen Arbeiten mit Phänomenen der Synchronizität, der Koinzidenz und der Nicht-Linearität auseinandergesetzt hat, betrachtet zwar das Phänomen des Risikos nicht aus derselben analytischstrukturellen Makroperspektive wie Beck; vielmehr nähert er sich dieser Thematik aus einer persönlichen, subjektiven und sehr engen (und dadurch für jeden Menschen nachvollziehbaren) Mikroperspektive an. Grünfelder erfragt in zwölf prägnanten Porträts das Verhältnis von zwölf unterschiedlichen Menschen aus Sport, Politik und Musik zum Risiko und inszeniert deren Statements in schlichten, unaufdringlichen Bildern.

Die Filmreihe geht also auf jene Momente des Schwebens ein, die so viele menschliche Handlungen kennzeichnen. Sie geht auch auf das unausweichliche Risiko ein, das mit der Akzeptanz und Einbeziehung dieses Schwebens eng verbunden ist. Die befragten Protagonisten erläutern ihren jeweiligen Umgang mit dem Unbekannten, Ungesicherten und Grenzwertigen; sie sprechen von diesen Momenten der Offenheit, mit denen sie sich immer wieder konfrontieren müssen. Auffallend an diesen Aussagen ist die positive und gestalterische Kraft des Risikos. Mehr als eine latente Gefahr, die die vorgegebene Ordnung der Dinge aus ihrem Gleichgewicht bringen kann und deshalb partout zu vermeiden ist, wird das Risiko als ein dynamisches Prinzip aufgefasst, das Fortschritt – oder eine exzellente Leistung – überhaupt ermöglicht. Zwölf Menschen integrieren das Risiko in ihre Tätigkeiten und spielen mit dieser Komponente, um in neue Bereiche vorzudringen.

Dass Romeo Grünfelder – als Regisseur, Kameramann, Interviewer und Cutter – sich ebenso auf ein kreatives Risiko einlässt und ein Element des Risikos in diese Clipreihe einfügt, mag zunächst unsichtbar bleiben. Denn auf den ersten Blick weisen die dokumentarischen Porträts keine besonderen Züge auf: Die Statements sind kurz und bündig, die Bilder untermalen die Funktion und Position der jeweiligen Persönlichkeiten und die formale Behandlung bleibt sachlich-distanziert. Oberflächlich betrachtet, hat man es hier also mit einer perfekt beherrschten Auftragsarbeit zu tun, die, bis auf ihre thematische Einbettung, keinerlei Bezug zum Unkontrollierbaren unterhält und dem Risiko gekonnt ausweicht.

Und doch ist der Bezug da. Versteckt hinter der so kristallinen Struktur eines bekannten und herkömmlichen Filmformats lauert das Risiko des Scheiterns. Dieses ist aber so vollständig in der konventionellen Form des Interview-Clips aufgelöst, dass es sich der Wahrnehmung vollkommen entzieht. Gewiss benötigt man Insider- Wissen, um dessen unmerkliche Präsenz zu wittern. Man muss z. B. wissen, dass die Interviews unter den einfachsten Bedingungen (ein Mann, eine Kamera) realisiert wurden und dass sie prinzipiell so offen angelegt waren, dass der gesamte Prozess von Anfang an von Unsicherheit und Unkontrollierbarkeit geprägt war. Die Gattung der offenen, nicht standardisierten Befragung, worauf Grünfelder zurückgreift, entspricht übrigens demselben Anspruch an Komplexität, womit auch die Befragten täglich konfrontiert werden. Nur dass die Komplexität hier in getarnter Form erscheint. Dank ausgefeilter Technik lässt sich diese Komplexität zwar reduzieren (z. B. in der Postproduktion), tilgen kann man sie aber nicht. Man muss mit ihr leben. Man muss sich darauf einlassen. Die unvorhersehbaren Entwicklungen einer zwischenmenschlichen Interaktion, potenziert durch die eigenwilligen Entwicklungen der Technik, fließen in das Produkt mit ein. Und hinter dem Sportler, der Politikerin oder der Sängerin hört man die Stimme von Romeo Grünfelder, der von dem eigenen Risiko und den eigenen Unsicherheiten spricht. Er sagt damit auch etwas zu dem Schwebezustand seines Berufes.

Darin liegt m. E. die Originalität des Vorgangs. Grünfelder versucht nicht, die Kontingenz zu domestizieren oder in ein reines Schauobjekt zu verwandeln. Er hat sich nicht vorgenommen, das Risiko vollständig zu tilgen, um ein Erzeugnis anzubieten, das schon in seiner Konzeption ausgeklügelt und vollendet wäre. „I welcome whatever happens next“, sagte eins der Komponist des Zufalls John Cage. Die Einstellung zum Leben und zur Tätigkeit, die exemplarisch in den zwölf Porträts zum Ausdruck kommt, beschreibt sehr gut die Einstellung von Romeo Grünfelder. Bedacht und spielend zugleich akzeptiert er dieses „whatever“ als bestimmende Kraft seiner Arbeit, integriert sie vollständig und lebt damit. Mehr als ein Spiel mit dem unkontrollierbaren Risiko ist die Filmreihe 12 reflections on risk ein Spiel mit der Offenheit und der Ungewissheit. Während Gott Würfel spielt, richtet Grünfelder seine Kamera auf Persönlichkeiten dieser Welt – und spielt auch mit Würfeln.